Abrufübungen
Eine Woche nach dem Lesen eines Textes erinnerten Studierende nach drei Selbsttests 61 % des Inhalts. Nach dreimaligem Wiederlesen waren es 40 %.
Tests gelten meist als Messung des Lernens. Eine lange Forschungstradition zeigt, dass sie Lernen auch bewirken. Eine Antwort aus dem Gedächtnis abzurufen verändert die Erinnerung und erleichtert den nächsten Abruf. Psychologen nennen das Testeffekt oder Abrufübung. Deshalb endet jede Einheit hier mit Fragen, und deshalb sollst du vor dem Umdrehen einer Karte antworten.
Kurzfristige und langfristige Sieger
Bei einem Abschlusstest fünf Minuten später gewann Wiederlesen: 83 Prozent für viermaliges Lernen, 78 Prozent für dreimaliges Lernen und 71 Prozent für dreimaliges Testen. Nach einer Woche kehrte sich die Reihenfolge um. Die Gruppe mit drei Tests erinnerte 61 Prozent, die mit einem Test 56 Prozent, die mit vier Lernphasen nur 40 Prozent. Die Studierenden erwarteten das Gegenteil. Die Wiederlesenden sagten das beste Erinnern nach einer Woche voraus. Wiederlesen macht einen Text vertraut. Vertrautheit wird leicht mit Wissen verwechselt.
Beachte zwei Details. Erstens gab es bei den Tests keine Rückmeldung. Der Vorteil entstand also durch den Abruf, nicht durch Mitteilung der Antwort. Rückmeldung verstärkt den Effekt gewöhnlich. Deshalb wird hier jede Quizantwort erklärt. Zweitens ähnelt das Muster dem Abstandseffekt: Was sofort hilft, muss nicht das sein, was eine Woche später hilft. John Dunlosky und Kollegen bewerteten 2013 zehn verbreitete Lerntechniken. Nur Übungstests und verteiltes Üben wurden als sehr nützlich bewertet.
Probiere es an diesem Text aus
Im Kasten unten steht eine kurze Zusammenfassung des Experiments. Lies sie einmal. Drücke dann die Schaltfläche, um einige Wörter zu verbergen. Sprich fehlende Wörter laut, bevor du zur Prüfung eine Lücke anklickst. Verberge jede Runde mehr, bis der Text weitgehend leer ist. Jeder Klick ist ein kleiner Abrufversuch. Lücken, die du nicht füllen konntest, zeigen dir, was du wiederholen solltest.
Roediger und Karpicke, 2006. Studierende, die einmal lernten und drei Abruftests machten, erinnerten nach einer Woche einundsechzig Prozent. Wer viermal lernte, erinnerte vierzig Prozent. Wiederlesen gewann beim Test fünf Minuten später, Testen aber nach einer Woche.
Im Lernalltag heißt das: Schließe das Buch und schreibe vor dem Nachsehen auf, was du erinnerst. Beantworte Übungsfragen vor dem Blick auf die Lösung. Behandle Karteikarten als Fragen, nicht als Lesestoff. Das fühlt sich schwerer an als Wiederlesen, und diese Schwierigkeit ist Teil der Wirkung. Zusammen mit Lernabständen ist es für die meisten eine besonders einfache Verbesserung.
- Der Abruf stärkt Informationen im Gedächtnis (Testeffekt).
- Bei Roediger und Karpicke (2006) gewann Testen nach einer Woche: 61 % gegenüber 40 %.
- Wiederlesen gewinnt bei sofortigen Tests und erzeugt trügerische Sicherheit.
- Dunlosky et al. (2013) bewerteten Übungstests als sehr nützlich.
- Nach einer Woche erinnerte die Gruppe Lernen-Test-Test-Test 61 %, die Gruppe Lernen-Lernen-Lernen-Lernen 40 %. Wie groß ist die Differenz in Prozentpunkten?
- Welche Gruppe schnitt fünf Minuten nach dem Lernen am besten ab?
- Viermal lernen
- Dreimal lernen, einmal testen
- Einmal lernen, dreimal testen
- Gab es bei den Abruftests in diesem Experiment Rückmeldung?
- Ja, nach jedem Test
- Nein
- Welche Gruppe erwartete nach einer Woche das beste Erinnern?
- Die Gruppe mit wiederholtem Lernen
- Die Gruppe mit wiederholtem Testen
- Niemand machte Vorhersagen
- Warum erzeugt Wiederlesen falsche Sicherheit?
- Vertrauter Text wirkt wie bereits Gelerntes
- Es dauert zu lange
- Es verwendet Bilder
- Es ergänzt Rückmeldung
- Welche zwei Techniken bewerteten Dunlosky et al. (2013) als sehr nützlich?
- Markieren und Wiederlesen
- Übungstests und verteiltes Üben
- Zusammenfassen und Vorstellungsbilder
- Schlüsselwortmethode und Wiederlesen
- Welche Karteikartengewohnheit nutzt Abrufübungen?
- Beide Seiten zusammen lesen
- Vor dem Umdrehen antworten
- Karten nach Farbe sortieren
- Karten ordentlich abschreiben
- Abrufübungen fühlen sich meist leichter an als Wiederlesen.
- Ja
- Nein
- In Experiment 2 las die Lerngruppe den Text etwa 14.2-mal, die Testgruppe etwa 3.4-mal. Wie vielmal so viel las die Lerngruppe? Runde auf eine Nachkommastelle.
Quellen zu diesem Kurs (16)
- OpenStax Psychology 2e (openstax.org/books/psychology-2e)
- sections 8.1 How Memory Functions (Atkinson and Shiffrin 1968; Baddeley and Hitch 1974; Miller 1956; Cowan 2010; Peterson and Peterson 1959; Keppel and Underwood 1962; Tulving 1972)
- 8.2 Parts of the Brain Involved with Memory (H. M.)
- 8.3 Problems with Memory (Ebbinghaus 1885; Schacter 2001 seven sins; Loftus and Palmer 1974; proactive and retroactive interference)
- 8.4 Ways to Enhance Memory, 4.3 Stages of Sleep. Sperling (1960) Psychological Monographs 74(11) (sites.socsci.uci.edu/~whipl/staff/sperling/PDFs/Sperling_PsychMonogr_1960.pdf): 12 symbols, 76% partial report, about 9.1 letters, whole report slightly over four. Ebbinghaus (1885/1913) savings 58.2% at 20 min, 44.2% at 1 h, 35.8% at 8.8 h, 33.7% at 1 day, 27.8% at 2 days, 25.4% at 6 days, 21.1% at 31 days
- Murre and Dros (2015) PLoS ONE 10(7) e0120644 replication (one subject, 70 hours, rows of 13 syllables)
- Cepeda et al. (2006) Psychological Bulletin, PubMed 16719566 (839 assessments, 317 experiments, 184 articles)
- Cepeda et al. (2008) Psychological Science 19(11)
- PubMed 19076480 (more than 1,350 people, gap up to 3.5 months, test up to 1 year, optimal gap about 20 to 40% of a 1-week delay and 5 to 10% of a 1-year delay)
- Roediger and Karpicke (2006) Psychological Science 17(3) 249-255 (Experiment 2: 5-min test SSSS 83%, SSST 78%, STTT 71%; 1-week test STTT 61%, SSST 56%, SSSS 40%)
- Dunlosky et al. (2013) PSPI 14(1)
- PubMed 26173288. Jenkins and Dallenbach (1924) American Journal of Psychology 35, 605-612 (two colleagues, nonsense syllables, 1 to 8 hours)
- Sara (2017) J Neurosci review, PMC6596760 (Rasch and Born 2013, 1,358 references)
- Journal of Sleep Research (2021) 10.1111/jsr.13042 "Evidence against a large effect of sleep in protecting verbal memories from interference". Roediger and McDermott (1995) JEP:LMC 21 (false recall 40% with 12-word lists, 55% with 15-word lists)
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Abgerufen: 2026-10-17